Lust aufs Wohnen 55plus = mehr als nur barrierefrei!

22. April 2022

LL-Monatszeitung – III: April 2022

„Der Grundsatz der Menschenwürde enthält den Anspruch, Lebensverhältnisse herzustellen, in denen ein Mensch auch im Alter Mensch bleiben kann.“ (Simone de Beauvoir)

Wir bleiben alle fitter und aktiver, und das wichtigste Bedürfnis ist der Wunsch nach Selbstbestimmtheit.  Viele möchten nicht „alleine alt werden“ oder aufgrund einer Krankheit „umquartiert werden“ in ein Pflegeheim. Man soll sich dessen bewusst werden. Wendepunkte sind zum einen, wenn die Kinder aus dem Haus sind (brauche ich das große Haus mit dem großen Garten?!), und ein zweiter Wendepunkt erfolgt mit Eintritt des Rentenalters. Zwischen 55 und 60 Jahren hat man noch die Kraft einen Neuanfang zu wagen. Besonders wichtig sind soziale Kontakte … in einem Mehrfamilienhaus, wo es Begegnungsflächen gibt, z.B. ein gemeinsam genutzter Garten. Die Corona-Pandemie hat deutlich gezeigt, dass soziale Isolation/Einsamkeit weitreichende gesundheitliche Schäden in Form von Stressreaktionen im Körper auslöst. Evolutionsbiologisch sind Menschen gesellige Wesen und Einsamkeit ist genauso schädlich für den Körper wie Übergewicht, Rauchen oder Bewegungsmangel!

Ältere Menschen haben grundsätzlich keine anderen Wohnbedürfnisse als Jüngere, aber alte Menschen sind aufgrund ihrer häufig eingeschränkten Mobilität und ihres Handlungsradius stärker auf die eigene Wohnung und das unmittelbare Wohnumfeld angewiesen: Nicht nur die eigene Wohnung, sondern auch das unmittelbare Wohnumfeld inklusive der Nachbarschaft werden im Alter wichtiger. Dazu gehören wohnungsnahe Dienstleistungen, barrierefreie Zugangsmöglichkeiten zu öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln, quartiersbezogene Versorgungs-, Freizeit- und Kulturangebote. Die Begegnung mit anderen Menschen, die Möglichkeit, ab und zu etwas Neues zu sehen, körperliche Bewegung im Freien, selbst über den eigenen Aufenthaltsort bestimmen zu können und nicht abhängig von fremder Hilfe zu sein, sind entscheidende Punkte. Gerade für Ältere beschränkt sich Wohnen nicht nur auf den abgeschlossenen familiären Bereich oder auf die individuelle Wohnung. Mit abnehmender Haushaltsgröße werden soziale Kontakte mit der Hausgemeinschaft oder Nachbarschaft wichtiger, ebenso das Wohnumfeld.

In der Wohnung selbst gibt es verschiedene Möglichkeiten, die das Wohnen im Alter erleichtern. Dazu gehören Regulationsmöglichkeiten (z.B. Smarthome-Systeme oder altersgerechte Assistenzsysteme), die „barrierefrei“ Beleuchtung, Heizung oder Verdunklung regeln. Da Hörgeräte selektiv fokussiertes Hören erschweren, sollte eine klare Raumakustik angestrebt werden. Verschiedene Oberflächen bzw. Materialien regen die Sinne an und fördern die Orientierung. Weiche matte Oberflächen vermitteln Geborgenheit. Als Sturzprophylaxe sollte die Wohnung möglichst „Schwellenarm“ sein. Dazu gehört ein Barrierefreies Bad mit schwellenloser Dusche mit entsprechenden Haltegriffen. Zur Erholung trägt ein Ausblick in die Natur bei, ebenso private Freiflächen wie Balkone und Terrassen.

Die Individualisierung der Lebensstile ist auch bei den Älteren angekommen.

Unsere Wohnungen werden vielfach den Bedürfnissen der Menschen, die darin leben, nicht gerecht. Älteren Bewohnern ist ihr Haus oft viel zu groß geworden: „Ich würde in eine kleinere Wohnung ziehen, aber ich möchte in meiner vertrauten Umgebung bleiben, in räumlicher Nähe zum jetzt bestehenden Wohnumfeld, doch da gibt es kein passendes Angebot für mich.“

Da könnten die Kommunen und die Wohnungsbauwirtschaft als Vermittler und Entwickler alternativer Wohnformen eine ganz entscheidende Rolle spielen. Wohnbaugenossenschaften haben das Ziel, ihre Mitglieder mit preisgünstigem, gutem Wohnraum auf Lebenszeit zu versorgen. Wenn allein der Markt reagiert, versuchen Bauträger aus den Grundstücken rauszuholen, was geht. Diese massive Bebauung, die soziale Isolation fördert, ist nicht akzeptabel. Aber genau das passiert, wenn die Kommunen nicht eingreifen – strategisch, planerisch und auch baurechtlich. Bei der Planung zukünftiger Lebensräume sollte berücksichtigt werden, dass die Wohnungen in allen Lebensphasen genutzt werden können. Voraussetzung ist die Schaffung von unterschiedlichen Wohnungsgrößen mit nutzungsneutralen Grundrissen (z.B. gleich große Räume), die sich den wechselnden Bedürfnissen der einzelnen Lebensphasen anpassen. Dazu gehören auch attraktive Gemeinschafts- bzw. Begegnungsflächen im unmittelbaren Wohnumfeld. Barrierefreies Wohnen ist nicht nur für ältere Menschen wichtig, auch jüngere Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und Kinder können davon profitieren.

Am 27. April 2022, um 15 Uhr, halte ich in Landsberg zu diesem Thema „Wohnen im besten Alter – mehr als nur barrierefrei“ einen Vortrag.

Ort: AWO-Mehrgenerationentreff (im Kratzertreff) – Landsberg am Lech

Wohnsinn & Raumglück

8. April 2022

Der 1. Podcast über Wohn- und Architekturpsychologie

Wohnen für Ältere –
Gemeinschaftliches Wohnen

Anstelle des bisherigen Blog-Artikelformats steht in diesem Monat das gesprochene Wort: Ich wurde von Erika Mierow und Martina Püringer zum lebendigen Austausch in ihrem Podcast „Wohnsinn & Raumglück“ als Gast eingeladen, um über Wohnbedingungen für Ältere und insbesondere den Fokus gemeinschaftlichen Wohnens zu sprechen. Die gesamte Folge gib es unter folgendem Link zu hören:

https://xn--wohnsinnundraumglck-mbc.com/episode/wohnen-fuer-aeltere-gemeinschaftliches-wohnen

Buchtipps:

„Grau ist bunt: was im Alter möglich ist“ – Dr. jur. Henning Scherf, ehemaligen Bürgermeister der Stadt Bremen

„Das Zeitalter der Einsamkeit“ – Noreena Hertz 
https://www.harpercollins.de/products/das-zeitalter-der-einsamkeit-9783749901159

Filmtipps:

„Die Spätzünder“ mit Jan Josef Liefers 
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sp%C3%A4tz%C3%BCnder

„Wohnprojekt oder Pflegeheim“ – Film auf 3sat über Wohnmöglichkeiten 60+
https://www.3sat.de/gesellschaft/37-grad/37-seniorenheim-oder-wohnprojekt-100.html

Gemeinsam statt Einsam… was kann die Wohn- und Architekturpsychologie zum Gelingen von gemeinschaftlichen Wohnformen Beitragen? (Teil 2)

10. März 2022

Als Expertin für Wohn- und Architekturpsychologie kenne ich die Zusammenhänge von Wohnbedürfnissen und baulicher Gestaltung:

Von den vielen Co-Living-Möglichkeiten, die es gibt, möchte ich mich in diesem Blog auf „Cohousing-Projekte“ konzentrieren. Warum, weil es eine geplante Gemeinschaft ist, die aus privaten (möglichst barrierefreien) Wohnungen oder Häusern besteht, die durch umfangreiche Gemeinschaftseinrichtungen ergänzt werden. Dadurch entstehen Unterstützungsmöglichkeiten, die in anderen Wohnformen kaum denkbar sind. Cohousing-Projekte sind gelebte Nachbarschaftsbeziehungen. Ziel dieser Form des Zusammenlebens ist ein besseres Miteinander, eine Gemeinschaft, bei der jeder sich einbringen kann – aber nicht muss! Die Lebensumstände und das Alter sind dabei nicht relevant. Welche Gründe gibt es, in ein Cohousing zu ziehen:

  • Kinder haben mehr Möglichkeiten mit anderen Kindern zusammen zu sein.
  • Gemeinsames Kochen und Essen erleichtert nicht nur die Haushaltsführung, sondern stärkt die Gemeinschaft.
  • Eine Wertegemeinschaft als Basis für Freundschaften.
  • Durch die soziale Interaktion ist ein aktiveres Leben zu erwarten und damit verbunden eine bessere Gesundheit; dies gilt besonders für Ältere.
  • Sicherheit und Geborgenheit entsteht durch Gemeinschaft und durch die Bauweise.
  • Selbstbestimmung beim Bauen und im Zusammenleben.
  • Gemeinsame Anschaffungen sparen Geld.

Durch die soziale Nähe und emotionale Bindungen kann Cohousing eine Hilfestellung auch in Lebenskrisen sein, wie etwa bei Krankheit oder andere Schicksalsschläge. Die drohende Einsamkeit ist gerade für viele ältere Menschen eine große Herausforderung. Je älter eine Person wird, desto mehr Zeit verbringt sie zuhause. Vor allem, wenn Menschen über 80 Jahre alt sind, schrumpfen die sozialen Kontakte automatisch. So erkennen auch Kommunen zunehmend, dass eine soziale Vernetzung im Stadtteil, im Dorf und vor allem in der Nachbarschaft gerade älteren Menschen helfen kann, trotz gesundheitlicher Einschränkungen ihren Alltag zu meistern.

Viele Häuser bzw. die ganze Bauindustrie sind für antiquierte Lebensentwürfe gedacht, die aber heute viel seltener gelebt werden. Mehr als die Hälfte der Berliner ist heute nicht mehr in Familienstrukturen organisiert. Aber wo finden sie in dieser Stadt ein Haus, in das sieben Freundinnen einziehen können oder acht Achtzigjährige, die nicht ins Altenheim wollen? Wo findet man eine Struktur, in dem zwei alleinerziehende Frauen und ein alleinerziehender Mann gemeinsam mit ihren Kindern wohnen können?

Welche Wohnbedürfnisse stehen bei Cohousing-Projekten im Vordergrund:

Soziale Interaktion … was wirkt interaktionsfördernd?

Attraktive Gemeinschaftsflächen und -räume mit unterschiedlichen Angeboten, Aneignungs- und Regulationsmöglichkeiten. D.h. die Gemeinschaftsflächen sollten einen gewissen „Aufforderungscharakter“ besitzen und so die kommunikative Mitte einer Gemeinschaft sein; so dass auch zufällige Begegnungen möglich sind. Die Ausstattung und „Möblierung“ sollte attraktiv gestaltet werden, mit unterschiedlichen Treff- und Sitzmöglichkeiten. Idealerweise mit großen Glasflächen ausgestattet, die einen Ausblick in die Natur bieten. Wichtig für die Erweiterung der privaten (begrenzten) Wohnflächen sind ebenfalls Gemeinschaftsterrassen bzw. -Gärten, die sowohl Gemeinschaft ermöglichen als auch Rückzugsmöglichkeiten in Form von „Nischen“. Für die Ausgestaltung gilt dabei: „Sehen, ohne gesehen zu werden“. Die Schwierigkeit bei Gemeinschaftsräumen ist das Verhältnis von Funktionalität und ansprechender Einrichtung: Multifunktionale Gemeinschaftsräume wirken oft nicht sehr einladend, dagegen sind gemütlich eingerichtete Räume mit Sofas nicht mehr multifunktional.

Verschiedene Angebote für unterschiedliche Interessen: Hobbyräume, Werkstätten, Nutzungsmischung (Wohnen & Gewerbe, Shared Offices), Carsharing uvm. Durch die Mitbestimmung der Bewohnenden entsteht ein hoher Identifikationsgrad, und das wirkt sich wiederum positiv auf die soziale Interaktion aus. Durch entsprechende Zonierung und Übergänge erhält man eine Trennung von halbprivaten und halböffentlichen Bereichen. Wichtig dabei: Gemeinschaftsbereiche grenzen nicht direkt an private Wohnbereiche.

Welche räumlichen Faktoren bieten Erholung und schützen vor Stressbelastung?

Allen voran (und dies gilt für sämtliche „Wohnformen“) sind dies Ausblicke in die Natur und private Freiflächen wie Balkone und Terrassen. Der Blick auf Pflanzen am Balkon bzw. entsprechend naturnah gestaltete Freiflächen wirkt sich positiv auf die Erholung aus und reduziert die Stressbelastung. Dabei gilt Exponiertheit auf Balkone oder Terrassen zu vermeiden … wenn die Privatheit beeinträchtigt ist, reduziert sich der Erholungsfaktor. Dazu kommt die Vermeidung von Lärmbelastung: Nicht nur beim gemeinschaftlichen Wohnen sollte auf ausreichend Schallschutz geachtet werden, denn dies erhöht auch den Erholungsfaktor.

Zusammenfassend gilt …

Gemeinschaftliches funktioniert dann, wenn Privatheit funktioniert!!!

Ein sehr passender Film zum Thema:

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Gemeinsam statt Einsam… Plädoyer für mehr gemeinschaftliches Wohnen (Teil 1)

21. Februar 2022

Wir befinden uns mitten in einer globalen Einsamkeitskrise, vor der keiner von uns gefeit ist, egal wo auf der Welt. Studien zeigen, dass Einsamkeit schlechter für unsere Gesundheit ist als zu wenig Sport, genauso schädlich wie Alkoholabhängigkeit und doppelt so schädlich wie Übergewicht.

Dabei wird der Begriff Einsamkeit viel weiter gefasst … es geht nicht nur um die Beziehungen zu Freunden, Familie, Arbeitskollegen und Nachbarn, sondern auch um die Beziehungen zum Arbeitgeber, Mitbürgern, Politiker und dem Staat, also auch um das Gefühl, in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ausgeschlossen zu sein. Einsamkeit ist ein innerer wie auch existenzieller Zustand … persönlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch!

Einsamkeit in seiner gegenwärtigen Form ist beeinflusst durch Globalisierung, Verstädterung, Ungleichheit und Machtungleichheit, größere Mobilität, bahnbrechende Technologien (Stichwort: KI), und zuletzt das Coronavirus.

Es ist eine Einsamkeit, die hinausgeht über das menschliche Bedürfnis, gehört und gesehen zu werden, umsorgt zu werden, frei agieren zu können, freundlich, fair und respektvoll behandelt zu werden.

Wie ist es so weit gekommen? Dazu möchte ich als Biologin das Ganze evolutionsbiologisch betrachten … der Mensch ist, wie auch alle anderen Primaten, ein geselliges Wesen. Um zu funktionieren, sind wir angewiesen auf komplexe Gruppengefüge, von der chemischen Urverbindung zwischen Mutter und Kind über größere Familieneinheiten bis hin zu den gewaltigen Nationalstaaten der Gegenwart. Tatsächlich lässt sich der Aufstieg des Menschen an die Spitze der Nahrungskette unseres Planeten in vielerlei Hinsicht auf unser engagiertes Miteinander zurückführen. Aus diesem Grund wirkt es sich deutlich negativ auf unsere Gesundheit aus, wenn wir nicht miteinander verbunden sind.  

Denn damit wir nicht in einem Zustand verweilen, der unserem Überleben abträglich ist, hat die Evolution unseren Körper mit einer biologischen Reaktion auf das Alleinsein ausgestattet, die uns in einen Alarmzustand versetzt und physiologisch wie auch psychologisch so unangenehm ist, dass wir ihn so schnell wie möglich beenden wollen.

Zum einen ist der einsame Körper tatsächlich ein gestresster Körper: ein Körper, der schnell erschöpft und übermäßig entzündet ist. Insbesondere bei chronischer Einsamkeit, gibt es kaum einen Ausschalter, damit sich der Körper beruhigen und z.B. wieder Viren bekämpfen kann. Das Fatale daran … chronische Entzündungen stehen mit einer ganzen Reihe von Erkrankungen im Zusammenhang, darunter verstopfte Arterien, Herzerkrankungen, Schlaganfall, Depressionen, Arthritis, Alzheimer und Krebs. Ein gesunder Körper sorgt durch verschiedene Mechanismen dafür, dass schädliche Einflüsse bekämpft werden, ob Krankheitserreger oder Krebszellen. D.h. Einsamkeit schädigt unser Immunsystem nicht nur durch einen anhaltenden „Alarmzustand“, sie wirkt auch auf zellulärer und hormoneller Ebene auf uns ein. Studien zeigen, dass Einsamkeit die Funktionsfähigkeit mehrerer endokriner Drüsen beeinträchtigt, die Hormone an den Körper absondern und mit unserer Immunantwort zusammenhängen. …das Blut einsamer Menschen weist einen deutlich erhöhten Noradrenalinspiegel auf. Noradrenalin ist ein Hormon, das in lebensbedrohlichen Situationen die Virenabwehr hemmt. Einsamkeit behindert darüber hinaus die Genesung.

Isolierte ältere Menschen haben eine niedrigere durchschnittliche Lebenserwartung als regelmäßig sozial aktive.

Außerdem zeigte eine Studie, dass Teilnehmer, die an Depressionen litten, mit zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit einsam waren als nicht depressive. Selbst kurze Phasen der Isolation, wie wir sie während der Coronaviruspandemie erlebt haben, können sich spürbar auf unsere geistige Gesundheit auswirken … der Effekt kann sich noch Jahre später zeigen. Wir als Einzelpersonen wie auch die Regierungen müssen die möglichen psychischen Langzeitfolgen unserer Zwangsisolierung im Blick behalten. Im Extremfall kann Einsamkeit sogar zum Suizid führen.

Einsamkeit beeinflusst nicht nur unsere Sicht auf die Welt, sondern auch, wie wir sie einordnen. Ärger, Feindseligkeit, eine Tendenz, seine Umwelt als bedrohlich und gleichgültig wahrzunehmen, verminderte Empathie – Einsamkeit erzeugt eine gefährliche Kombination aus Emotionen, die für uns Alle schwerwiegende Konsequenzen haben.

Denn die Einsamkeitskrise spielt sich nicht nur in der Arztpraxis ab, sondern auch an der Wahlurne, und ihre Folgen für die Demokratie sind für jeden, der an eine auf Einheit, Inklusivität und Toleranz basierende Gesellschaft glaubt, zutiefst beunruhigend. Dafür braucht es zwei starke Verbindungen: die Verbindung zwischen Staat und Bürgern und die Verbindung der Bürger untereinander.

Warum werden die Menschen immer einsamer und was kann man dagegen tun … den wenigsten von uns ist es bewusst, dass dieses Thema schon lange vor der Pandemie Einzug in unseren Alltag hielt: Große Wohnkomplexe, in denen sich die Nachbarn nicht mehr kennen und vor allem elementare (Wohn)Bedürfnisse missachtet werden, schwindende Vereinsaktivitäten bis hin zum Leben online. Deshalb beschäftige ich mich im März, im zweiten Teil, welchen Beitrag kann die Wohn- und Architekturpsychologie leisten, um die soziale Interaktion zwischen den Menschen zu fördern.

Buchtipp: Das Zeitalter der Einsamkeit von Noreena Hertz

Teil 2 beschäftigt sich im März zum Thema „Gemeinsam statt Einsam … was kann die Wohn- und Architekturpsychologie zum Gelingen von gemeinschaftlichen Wohnformen beitragen!“

Warum ist die Privatsphäre (auch) auf dem Balkon so wichtig?

19. Januar 2022

Räume prägen unser Befinden und unser Verhalten, ebenso unsere Gesundheit und unser Wohlergehen.

Ein Recht auf Privatsphäre oder auch Privatheit ist ein Grundbedürfnis des modernen Menschen.

Auf die Wohnung bezogen meint das einerseits die Kontrolle darüber, wer überhaupt die Wohnung betreten darf und zum anderen, ob man sich innerhalb der Wohnung zurückziehen kann. Von der eigenen Wohnung erwartet man ein hohes Ausmaß an Privatsphäre – einerseits gegenüber der Außenwelt, andererseits gegenüber den Mitbewohnern. Dabei kann man noch zwischen der visuellen und der akustischen Privatheit unterscheiden, d.h. man möchte von anderen nicht nur nicht gesehen, sondern auch nicht gehört werden.

Privatsphäre zu haben, bedeutet eine „emotionale Entlastung“

Man ist unbeobachtet, kann frei handeln, kann seine Gefühle ausleben, die man vielleicht vor anderen Menschen so nicht zeigen kann. Privatheit bedeutet, Kontrolle zu haben – über die Situation, über die Umgebung, über sich selbst. Fehlt diese Privatheit längere Zeit, löst dies Stressreaktionen aus. Zu viel Enge, zu viel Lärm, zu wenig Rückzugsmöglichkeiten belasten uns körperlich und psychisch. Dies führt zu erhöhter Gereiztheit bis hin zu Aggression, ebenso zur Vermeidung von Sozialkontakten einhergehend mit verminderter Kontaktbereitschaft. Exponierte (gut einsehbare) Freiflächen wie Balkone oder Terrassen werden vermehrt gemieden oder entsprechend mit Sichtschutz versehen.

Ist ein physischer Rückzug nicht möglich, folgt ein psychischer Rückzug!

Das Schutzbedürfnis ist ebenfalls ein grundlegendes (Wohn)Bedürfnis: deshalb ist vor allem langfristig kein Gewöhnungseffekt zu erwarten!! Je länger ich mich an einem Ort aufhalte, desto stärker wird das Bedürfnis nach Schutz der Privatsphäre samt entsprechenden Reaktionen bzw. Schutzmaßnahmen.

Die meisten Mieter oder Immobilienbesitzer wünschen sich ein „Freiluftzimmer“. Denn nach Feierabend draußen zu sitzen, mit Freunden oder Familie einen lauen Sommerabend zu genießen oder Sonnenbäder auf dem Balkon zu nehmen, erhöht die Lebens- und Wohnqualität. Private Freiflächen wie Balkone und Terrassen dienen nicht nur der „Wohnraumerweiterung“, sondern sie tragen entscheidend zur Erholungsqualität einer Wohnung bei. Um eine entsprechende Erholungs- und damit Aufenthaltsqualität zu gewährleisten, sollten sie so angeordnet sein, dass man eine „öffentliche Wahrnehmung“ vermeidet oder sogar zur Schau gestellt wird. Außerdem schaffen Balkone oder Terrassen einen Übergang vom Menschen zur Natur; dazu kommt, dass freie Ausblicke in die Natur die größten Erholungseffekte bieten.

Der Zusammenhang zwischen räumlichen Strukturen und sozialen Beziehungen ist wissenschaftlich nachgewiesen! Das ist kein „Dachterrassentraum“! (Links)

Es fehlen hier die räumliche Distanz zu den Nachbarbalkonen und die Privatsphäre wird missachtet … ein Gefühl der Bedrängnis wird sich einstellen; dies führt zu „Abschottungstendenzen“ und Kontaktvermeidung bis hin zu Stresssymptomen! (Rechts)

Diese Beispiele zeigen räumlich gut angeordnete Balkone, die ein großes Maß an Privatheit zulassen.

Diese beiden Beispiele zeigen ein typisches „Abschottungsverhalten“, wenn die privaten Freiflächen baulich exponiert angeordnet sind. Dadurch sind auf den gezeigten Terrassen nur geringe „Erholungsqualitäten“ zu erwarten.

Durch geschickte Anordnung werden auch bei hoher baulicher Dichte die Privatsphäre auf den Balkonen gewährleistet.

Hygge-Saison das ganze Jahr!

8. Dezember 2021

Hygge ist ein Kernbestandteil der dänischen Tradition und Lebensweise. Im Wesentlichen bedeutet es eine gemütliche und herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens zusammen mit lieben Leuten genießt. Das warme Licht der Kerzen ist Hygge. Freunde und Familie gehören auch zu Hygge. Und nicht zu vergessen, Essen und Trinken … das heißt am liebsten mehrere Stunden am Tisch zu sitzen und sich gemeinsam mit den größeren und kleineren Dingen des Lebens auseinanderzusetzen.

Wie kann man Hygge mit ein paar einfachen Tipps nach Hause holen?

5 Tipps für mehr Hygge in Ihrem Leben

1. Kerzen, Kerzen, Kerzen

Egal wann und wo: Kerzenschein bildet oftmals die Grundlage für das besonders hyggelige Gefühl. Haben Sie immer Kerzen zuhause – egal zu welcher Jahreszeit. Im Winter schaffen Kerzen die typisch gemütliche Atmosphäre und im Sommer erhellen sie die lauen Nächte. Ohne Kerzen – kein Hygge!
Vielleicht verbrauchen die Dänen deswegen im Schnitt 6-8 Kilogramm Kerzen pro Jahr … und die Deutschen lediglich 2-3 Kilo.

2. Gemeinsam essen

Es geht einfach nichts über eine tolle Zeit mit Familie oder Freunden und eine gemeinsame Mahlzeit. Egal, ob Abendessen, Mittagessen oder Frühstück – solange es Essen, Getränke und gute Laune gibt, ist eigentlich alles gut.
Tipp für maximale Hygge: Lassen Sie die Handys in einem anderen Raum, damit alle wirklich anwesend sind und die Zeit gemeinsam genießen können.

3. Spaziergänge, egal bei welchem Wetter

Dabei spielt es keine Rolle, wo wir hingehen – in einen Park, zum nächsten Café, einfach um den Block oder durch den Wald … schnappen Sie sich einen Begleiter und genießen Sie die frische Luft.
Niemand will mit? Kein Problem! Auch allein kann man wunderbar seine Gedanken schweifen lassen.

4. Sich Zeit nehmen

Hygge-Zeit bedeutet, sich Zeit zu nehmen: Ein tolles Buch lesen, einen spannenden Film ansehen, Rätsel lösen, einen Schal stricken oder ein Bild malen. Machen Sie es sich bequem! Zünden Sie ein oder zwei Kerzen an (ja, schon wieder…), finden Sie ein warme und kuschelige Decke und machen Sie es sich auf dem Sofa gemütlich.
Wenn Sie was „Süßes“ zur Hand haben, umso besser!

5. Das Zuhause hyggelig gestalten

Das bezieht sich auf meinen Blog-Artikel im November: „Das Geheimnis der Gemütlichkeit“! Nach dem Motto: Weniger ist mehr! Also misten Sie beherzt aus, ordnen Sie Ihre Unterlagen und schaffen Sie sich Ihre persönliche „Hygge-Oase“ … gemütlich, wohnlich, einfach rundum geborgen sein!

Wenn Sie sich auch ein hyggeliges Heim wünschen, sollten Sie ihre Wände in warmen Farben streichen, auf kuschelige Stoffe setzen und vor allem viele Kerzen aufstellen! Für mehr Hygge im Wohnzimmer sind viele Fenster, viele Leuchten (und Kerzen!!) wichtig. Am Abend oder an besonders finsteren Wintertagen spielen harmonische Lichtquellen eine wichtige Rolle.

Warme Naturtöne

Helle Töne, die das Licht in alle Ecken reflektieren. Helle Wände und Möbel hellen auch den Raum auf, wenn er nicht ganz so viele Fenster hat. Steril wirkt das Ganze dennoch nicht, da mit weichen Textilien und warmen Materialien gespielt wird.

Naturmaterialien erden

Hygge beinhaltet auch einen engen Bezug zur Natur, deshalb ist Holz ein fester Bestandteil eines gemütlichen Wohnambientes. Am Boden findet man in skandinavischen Wohnzimmern selten kalte Fliesen. Dielen oder Parkett halten nicht nur die Füße warm, sie spenden dem Raum gleich ein wohnliches Ambiente.

Platz für Geselligkeit

Die Form folgt der Funktion … es gibt liebevolle Details, aber ein hyggeliges Wohnzimmer wird nicht mit Möbeln und Deko vollgestopft, stattdessen bietet es Platz für gesellige Stunden mit Freunden und Familie. Deshalb sollten vor allem ausreichend und bequeme Sitzgelegenheiten vorhanden sein.

Glücklich mit fröhlichen Pastellakzenten

Die Form folgt der Funktion … es gibt liebevolle Details, aber ein hyggeliges Wohnzimmer wird nicht mit Möbeln und Deko vollgestopft, stattdessen bietet es Platz für gesellige Stunden mit Freunden und Familie. Deshalb sollten vor allem ausreichend und bequeme Sitzgelegenheiten vorhanden sein.

Muster: Alles andere als eintönig

Beliebt sind Kissen, Decken oder Teppiche mit grafischen Aufdrucken. Der Effekt ist ähnlich den dezenten Farbakzenten: die Muster bringen Bewegung in Ihr Wohnzimmer. Wie immer gilt … mit Accessoires lässt sich am schnellsten eine neue Wirkung erzielen, ohne dass Sie gleich das ganze Wohnzimmer umgestalten müssen.

Mehr Gemütlichkeit mit Fellen und Decken

Gemütliche Wolldecken oder weiche Schaffelle sind der Inbegriff von Hygge, denn sie stehen für Gemütlichkeit, Natürlichkeit und Wärme wie kaum etwas Anderes. Wenn Sie kein echtes Fell in Ihr Wohnzimmer bringen wollen, halten Sie nach schicken Kunstfellen und dicken Strick- oder Wolldecken Ausschau. Hauptsache es wird kuschelig!

Als Einrichtungsstil ist „Hygge“ im Grunde eine Hommage an das nordische Lebensgefühl.